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Die unerträgliche Schwierigkeit des Seins
Mario Gongolsky
Bei den kleinen, vor sich hin vegetierenden bundesweiten Tageszeitungen erzielt man 60 bis 80 Cent Zeilenhonorar. Spannende Geschichten abseits den Agentur-Mainstreams kann man dort vielleicht platzieren. Diese Hungergeschichten müssen schon im Wettbewerb einen Journalistenpreis bekommen, um sich zu rechnen. Genauso gut könnte man vom Arbeitslosengeld ein Lotterielos kaufen und auf sein Auskommen hoffen. In Reichweiten starken Online-Nachrichtenportalen kann man 200 Euro an einem Stück verdienen. Wer sich einen Verdienst zusammenstellen möchte, muss zehn gute Stücke pro Monat liefern. Damit liegt man gen 200 Arbeitsstunden im Monat und hat sich binnen zwei Jahren leer geschrieben. Freie Journalisten, die sich Qualität leisten wollen, brauchen eine gute Mischung. Dazu gehört dann aber auch die PR. Kollegen, die das auf MediaClinic oder der eigenen Homepage klipp und klar sagen, für wen sie arbeiten und welche Themen demnach nicht journalistisch bearbeitet werden können, tun sich keinen großen Gefallen: „Wer Journalismus und PR nicht auseinander halten kann, kommt hier nicht in Frage.” Der Auftrag wird stattdessen an Kollegen vergeben, die ihre sonstigen Tätigkeiten bewusst verschleiern. Die Ehrlichen sind einmal mehr die Dummen. In der Gewerkschaft ohne Lobby Dabei ist die Zeitungskrise für Freie schon längst zur Existenzkrise geworden. Der unbewegliche Deutsche Journalistenverband (DJV) raffte sich in der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Journalist” tatsächlich dazu auf, den freien Freien eine Titelstory zu gönnen. Quintessenz: Jaja, die Honorare sind schon nicht üppig, aber wer sich geschickt vermarktet, findet immer noch sein Auskommen. Danach nur noch Erfolgsgeschichten, eine einzige Durchhalteparole. Für eine Gewerkschaft eine pikante Positionsbestimmung: „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner.” Gefährliche Machtverschiebungen Stephan Rouss-Mohl, Journalistikprofessor und Leiter des European Journalism Observatory (www.ejo.ch) an der Università della Svizzera italiana in Lugano/Schweiz rechnet in seinem aktuellen Buch „Kreative Zerstörung” über den Niedergang der US-Zeitungsindustrie vor, dass die Krise der Zeitung längst auch eine Krise des Journalismus insgesamt geworden ist. Der Übermacht druck- und sendefähigen Materials hat ein Redakteur immer weniger journalistische Prinzipienkraft entgegen zu setzen: „Kaum ein anderer Wirtschaftszweig wurde in den letzten Jahren so hochgerüstet wie die „Public Relations”-Branche. Eine Armada von über 243 000 Menschen, die hier beschäftigt sind, stehen inzwischen nur noch rund 100 000 Journalisten gegenüber.” (ISBN-13: 978-3867640770) Bei den journalistischen Arbeiten werden bei uns vor allem Themen gebucht, die nach viel Recherchearbeit riechen. Dass unter diesen Umständen immer mehr freie Journalisten gleich ganz auf PR umsatteln, kann da kaum überraschen. Für die letzten Unbeugsamen gilt: Der Journalismus ist ein Hobby, das man sich leisten können muss. 10.11.2009 Bemerkungen:
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